Zwischen Gesundheitstrends und Modernisierungsdruck – Welche Rolle Heilbäder und Kurorte künftig spielen können

Themen wie Gesundheit und Prävention gewinnen in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Für Heilbäder und Kurorte sind sie seit jeher das Kerngeschäft. Trotzdem stehen die Orte vor Herausforderungen. Denn die Bedürfnisse und Erwartungen der Gäste haben sich gewandelt und damit auch die Anforderungen an Kurorte und Heilbäder. Ronald Claaßen, Geschäftsführer des NRW-Heilbäderverbands, erläutert im Interview, welche Potenziale er für die Branche sieht und welche Faktoren aus seiner Sicht über ihre Zukunftsfähigkeit entscheiden.

Ronald Claaßen, Geschäftsführer nordrhein-westfälischer Heilbäderverband
© hug.S photography

Heilbäder und Kurorte verbinden viele Menschen noch immer mit dem klassischen Kurgedanken. Wie sehen Sie diese Orte in NRW? 

Der Kurgedanke soll auch weiterleben: Bis in die 1990er Jahre kamen Hunderttausende Menschen zur Vorsorgekur, um nicht krank zu werden. Durch die damaligen Gesetzesreformen ist diese Nachfrage eingebrochen – aber die Kernkompetenz der Heilbäder und Kurorte ist geblieben. Heute gibt es in NRW moderne Formen der Vorsorge durch die Verbindung der medizinischen Kompetenzen und die Anwendung natürlicher Heilmittel wie Moor oder Sole. Das ist für Menschen im stressigen Alltag ideal geeignet. Die allermeisten Krankenkassen bieten für ihre Versicherten Gesundheitstage, Gesundheitswochen oder Ähnliches an – ein sehr gutes Angebot, um die beschriebenen Vorzüge erstmals kennenzulernen und hoffentlich dann dranzubleiben.

In der Diskussion um Gesundheit und Lebensqualität fallen immer wieder Begriffe wie Longevity oder Healthy Aging. Welche Potenziale sehen Sie darin für Heilbäder und Kurorte?

Darin liegt eine große Chance, denn diese Trends beschreiben genau das, was die Orte seit jeher tun. Die Menschen wollen so lange wie möglich gesund, mobil und schmerzfrei bleiben. Das gelingt nicht durch kurzfristige Trends, sondern durch eine nachhaltige Lebensstilanpassung. In vielen der Kurorte bieten wir genau das an: fundierte Konzepte aus Bewegung, Ernährung und Entspannung, die auf medizinischer Erfahrung basieren. Die modernen Begriffe werden für die Gäste im Alltag praktisch nutzbar gemacht. Ich war selbst fasziniert, wie viel besser es einem geht, wenn man beim Wandern oder Sport die richtige Atemtechnik anwendet. Gelernt habe ich das im Kurort, weil ich dort die Zeit dazu hatte. Das ist nur ein kleines Beispiel, aber ohne therapeutische Anleitung kommt man nicht weiter.

In Bad Salzuflen entsteht mit der „Erlebniswelt Kneipp“ ein Angebot, das gezielt auch eine ganz untypische Zielgruppe anspricht, nämlich Kinder und Jugendliche. Was ist der Gedanke dahinter und gibt es vergleichbare Ansätze auch in anderen Orten?

Der Gedanke dahinter ist, Gesundheitskompetenz so früh wie möglich zu vermitteln – und zwar spielerisch. Wer als Kind lernt, wie gut Naturheilverfahren wie das Kneippen tun, profitiert ein Leben lang davon. Das gilt auch für das akute Thema Hitzeschutz: Beim Wassertreten lernen schon die Kleinsten, wie man den Körper an heißen Tagen effektiv und natürlich abkühlt. Bad Salzuflen und die anderen Kneippbäder in NRW – mir fallen in dem Zusammenhang sofort Bad Wünnenberg oder Olsberg ein – zeigen hier eindrucksvoll, wie man traditionelles Wissen modern verpackt. Wir sehen das konkret an inzwischen zahlreichen Kneipp-Kindergärten und -schulen, modernen Gradierwerken, die gezielt für Familien gestaltet werden, oder an interaktiven Gesundheitspfaden und Barfußparcours. Gesundheit darf und muss Spaß machen, und zwar von klein auf.

Gesundheit darf und muss Spaß machen.

Ronald Claaßen
Geschäftsführer NRW-Heilbäderverband 

Auch andere Heilbäder und Kurorte entwickeln ihre Angebote weiter. Wo beobachten Sie derzeit besonders spannende Entwicklungen oder neue Ideen in Nordrhein-Westfalen oder vielleicht auch darüber hinaus? 

Besonders erfolgversprechend sind Ansätze, die unsere natürlichen Ressourcen mit wissenschaftlich fundierter Entspannung verknüpfen. Ein gutes Beispiel ist das therapeutische Waldbaden, das nachweislich den Blutdruck und Stresshormone senken kann. Es ist zudem perfektes „Coolcation“. Während der Hitzewelle im letzten Juni boten die waldreiche Umgebung oder Kurparke der prädikatisierten Orte eine kühlende Atempause vom Hitzestress in den Städten. Zukunftsweisend ist auch die Kombination aus klassischen Gesundheitsangeboten vor Ort und digitaler Begleitung für die Zeit danach. Man macht seine Anwendungen vor Ort und wird zu Hause weiterbetreut. Digital funktioniert das viel besser als in Papierform, auch das kann ich aus eigener Erfahrung berichten.

Wenn Sie es auf ein paar Schlagworte reduzieren: Wo müssen Heilbäder und Kurorte ansetzen, um zukunftsfähig zu sein? Welche Faktoren oder Bereiche werden hier in den kommenden Jahren entscheidend sein?

Entscheidend werden vor allem diese Bereiche sein:

  • Qualität und Profilierung: Sole bleibt Sole, Moor bleibt Moor – das kann keine Wellness-Oase in der Großstadt kopieren. Dieses medizinische Alleinstellungsmerkmal müssen wir schärfen.
  • Digitalisierung: Der Zugang zu unseren Angeboten muss unkompliziert sein – von der Online-Buchung bis zur digitalen Orientierung vor Ort. Übrigens eignet sich die digitale Welt auch zur erheblichen Vereinfachung organisatorischer Belange für Gäste und das Gastgewerbe - Stichwort Kurbeitrag.
  • Zielgruppen-Öffnung: Ich sehe geänderte Bedarfe bei Berufstätigen. Es gibt vereinzelt schon spezielle Angebote für Firmen zur Regeneration ihrer Mitarbeiter oder die Kombination aus Homeoffice und Erholung – auf Neudeutsch „Workation“ – in Kurorten inklusive Thermenbesuche.
  • Infrastruktur-Modernisierung: Unsere Thermen, Kurparks und Gradierwerke müssen up to date bleiben. Das kostet leider eine Menge Geld und daher ist ein vereinfachter Fördermittelzugang für prädikatisierte Orte von enormer Wichtigkeit.
  • Klimaanpassung: Die Orte können Vorreiter beim Schutz vor Hitze und Wetterextremen sein. Die Hitzewelle im Juni und die vielen folgenden heißen Tage haben uns wieder vor Augen geführt, wie dringend wir kühle Oasen brauchen. Damit werden sie nicht nur ein begehrter Wohnstandort, sondern ziehen auch neue Gästegruppen an, die Schutz vor der Sommerhitze suchen.

Interview