Beethoven, Berge und Bleisure – Was der neue Tourismuschef in Bonn vorhat

Seit Anfang des Jahres ist Daniel Letocha neuer Geschäftsführer von Tourismus & Congress Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler (T & C). Welche Akzente er in seiner neuen Position setzen möchte und wie er aus Business-Gästen häufiger auch Freizeitgäste machen will, verrät er im Interview.

Geschäftsführer der Tourismus & Congesss GmbH Region Bonn / Rhein-Sieg / Ahrweiler
© T & C/Christian Heuter

Sie führen den Tourismusverband für Bonn und die Umgebung seit einem halben Jahr. Worauf haben Sie zum Start Ihren Fokus gelegt?

In den ersten Wochen habe ich vor allem versucht, möglichst viele Gespräche in der gesamten Region zu führen – mit Kommunen sowie Akteuren aus Hotellerie, Gastronomie, Veranstaltungswirtschaft und Freizeitangeboten. Dazu gehörten bewusst auch viele Abendveranstaltungen, Branchentreffen und Netzwerkformate – etwa bei der IHK oder innerhalb touristischer und wirtschaftlicher Netzwerke der Region.

Auch wenn ich im Rhein-Sieg-Kreis aufgewachsen bin und die Region seit vielen Jahren kenne, bekommt man noch einmal einen anderen Blick darauf, wenn man sie aus touristischer Perspektive in ihrer Gesamtheit betrachtet.

Dabei merkt man schnell, wie groß und vielfältig diese Destination eigentlich ist. Viele reduzieren uns zunächst auf die Bundesstadt Bonn – tatsächlich sprechen wir aber über eine Region mit rund einer Million Menschen und ganz unterschiedlichen touristischen Erlebnisräumen.

Genau darin liegt aus meiner Sicht eine der größten Chancen: Wir verbinden Beethoven, internationales Bonn und Kongressgeschäft mit Natur- und Aktivtourismus, dem Siebengebirge als Tor zum romantischen Rhein, der Naturregion Sieg, der Voreifel und dem Ahrtal.

Unsere Aufgabe als regionale Tourismusorganisation besteht auch darin, diese unterschiedlichen Angebote, Akteure und Erlebnisräume stärker miteinander zu vernetzen und daraus ein gemeinsames touristisches Gesamtbild für Gäste und Partner entstehen zu lassen.

Sie sagten es gerade: Die T&C vertritt eine sehr heterogene Region mit ganz unterschiedlichen Themenschwerpunkten: Bonn hat einen klaren Fokus auf Kultur und Business, im Siebengebirge und im Ahrtal geht es eher um Wandertourismus. Dazu spielt auch noch der Radtourismus in Ihrer Region eine Rolle – alles beste Voraussetzungen, um das Bleisure-Geschäft zu verstärken, oder?

Absolut. Bonn bringt als Bundesstadt, UN-Standort sowie Kongress-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort bereits eine hohe internationale Nachfrage mit. Hinzu kommen globale Unternehmen und Institutionen wie DHL, Deutsche Telekom oder die Deutsche Welle sowie zahlreiche internationale Organisationen und NGOs, die regelmäßig Gäste aus aller Welt in die Region bringen.

Gerade daraus ergeben sich enorme Chancen für das Bleisure-Segment. Entscheidend ist aus meiner Sicht aber, potenzielle Gäste frühzeitig zu erreichen – also bereits in der Planungs- und Buchungsphase von Kongressen, Tagungen oder Veranstaltungen. Denn die Entscheidung, einen Aufenthalt um ein oder zwei Tage zu verlängern, fällt häufig lange vor der eigentlichen Reise.

Deshalb wird es künftig noch wichtiger, frühzeitig in die Kommunikation rund um größere Veranstaltungen eingebunden zu sein und dort sichtbar zu machen, was die Region zusätzlich bietet – vom Siebengebirge als Tor zum romantischen Rhein über Kulturangebote bis hin zu Natur-, Genuss- und Aktivtourismus.

Die Wege zwischen urbanem Angebot, Kultur und Natur sind bei uns außergewöhnlich kurz. Genau diese Verbindung aus internationalem Business-Standort und vielfältigen Freizeitmöglichkeiten macht die Region so spannend.

Bleisure bietet für Bonn und die Region dabei einen ganz konkreten touristischen Hebel: Viele Gäste sind bereits beruflich vor Ort. Die zentrale Zukunftsfrage lautet deshalb aus meiner Sicht weniger, wie wir ausschließlich zusätzliche Gäste gewinnen, sondern vielmehr, wie es gelingt, bestehende Nachfrage stärker in Aufenthaltsdauer, regionale Erlebnisse und zusätzliche touristische Wertschöpfung zu übersetzen. Bereits eine geringe Verlängerung der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer um wenige Zehntel Nächte würde in einer Region unserer Größenordnung zusätzliche touristische Wertschöpfung in Millionenhöhe erzeugen.

Die zentrale Zukunftsfrage lautet weniger, wie wir ausschließlich zusätzliche Gäste gewinnen, sondern vielmehr, wie es gelingt, bestehende Nachfrage stärker in Aufenthaltsdauer, regionale Erlebnisse und zusätzliche touristische Wertschöpfung zu übersetzen. 

Daniel Letocha
Geschäftsführer Tourismus & Congress Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler 

Beethoven-Denkmal in Bonn
© Tourismus NRW e.V./Johannes Höhn

Das Gesicht Bonns ist auf der ganzen Welt Beethoven. Ist das mehr Chance oder verdeckt es den Blick auf mehr?

Beethoven ist ein internationaler Reiseanlass mit enormer Strahlkraft. Gerade mit Blick auf das Beethoven-Jubiläumsjahr 2027 merken wir schon jetzt, wie groß das internationale Interesse ist. Gleichzeitig sieht man auch, dass das Thema in Bonn modern und zukunftsorientiert gedacht wird – etwa durch neue Konzertformate, junge Nachwuchskünstler und den bewussten Versuch, Beethoven auch für jüngere und neue Zielgruppen zugänglicher zu machen. Akteure wie das Beethovenfest oder das Beethoven Orchester Bonn zeigen sehr deutlich, dass Beethoven in Bonn immer wieder neu und zeitgemäß gedacht werden kann. Die Rückkehr des Beethovenfestes in die sanierte Beethovenhalle unterstreicht diese Entwicklung zusätzlich.

Die eigentliche Chance besteht deshalb darin, Beethoven nicht isoliert zu betrachten, sondern als Türöffner für das moderne Bonn und die gesamte Region zu nutzen. Denn Bonn steht heute genauso für internationales Flair, Wissenschaft, die Vereinten Nationen, Demokratiegeschichte und eine hohe Lebensqualität zwischen urbanem Raum und Natur.

Nachhaltigkeit gehört inzwischen zur DNA von Bonn, nicht zuletzt, weil die Vereinten Nationen hier ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten zusammenführen. Welche Rolle nimmt die T &C dabei ein? Und wie lässt sich im Nachhaltigkeitskontext touristische Wertschöpfung generieren?

Das Thema Nachhaltigkeit passt sehr gut zu Bonn und der Region – nicht zuletzt durch die Vereinten Nationen und die vielen internationalen Organisationen vor Ort, die sich mit Zukunfts- und Nachhaltigkeitsthemen beschäftigen. Dadurch besitzt der Standort in diesem Bereich eine besondere Glaubwürdigkeit.

Für uns als Tourismusorganisation geht es aber weniger darum, Nachhaltigkeit als reines Schlagwort zu verwenden, sondern sie konkret und praktikabel mitzudenken – etwa bei Mobilität, regionalen Angeboten oder der Frage, wie Gäste die Region bewusster und intensiver erleben können. Gerade im Kongress- und Tagungsbereich bieten die kurzen Wege in Bonn dafür gute Voraussetzungen – beispielsweise, wenn Gäste Wege zwischen Hotel und Veranstaltungsort mit dem Fahrrad zurücklegen können.

Insgesamt profitiert die Region dabei von der besonderen Verbindung aus urbanem Raum, Kultur- und Freizeitangeboten sowie Naturerlebnissen auf engem Raum. Hinzu kommen starke Potenziale im Rad- und Wandertourismus sowie viele regionale Angebote mit hoher Aufenthaltsqualität.

Wichtig ist dabei aus meiner Sicht auch, Gäste nicht belehren zu wollen. Nachhaltiger Tourismus funktioniert vor allem dann, wenn attraktive Angebote entstehen und gleichzeitig regionale Wertschöpfung erzeugt wird – also eher Qualität statt reiner Quantität im Fokus steht. Wenn Gäste länger bleiben, regionale Gastronomie nutzen oder zusätzliche Freizeitangebote wahrnehmen, profitieren am Ende viele Akteure in der gesamten Region davon.

Ich würde mir wünschen, dass Bonn und die Region touristisch noch stärker als zusammenhängender Erlebnisraum wahrgenommen werden.

Daniel Letocha
Geschäftsführer Tourismus & Congress Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler 

Wenn wir heute und in fünf Jahren ein Bild des Tourismus in Bonn und der Umgebung zeichnen würden, was sollte sich aus Ihrer Sicht in der Zeit verändert haben?

Ich würde mir wünschen, dass Bonn und die Region in fünf Jahren touristisch noch stärker als zusammenhängender Erlebnisraum wahrgenommen werden – auch wenn genau darin gleichzeitig eine der größten Herausforderungen liegt. Denn wir sprechen hier bewusst nicht über eine homogene Destination, sondern über sehr unterschiedliche Erlebnisräume mit jeweils eigener Identität und eigenen Stärken.

Gerade darin liegt aber auch eine große Chance: Gäste, die beruflich, kulturell oder touristisch nach Bonn reisen, stärker mit Angeboten im Siebengebirge, im Ahrtal oder in der Naturregion Sieg zu verbinden – und umgekehrt. Unsere Aufgabe als regionale Tourismusorganisation besteht aus meiner Sicht genau darin, solche Berührungspunkte, Reiseanlässe und Kooperationen künftig noch stärker sichtbar und erlebbar zu machen.

Was wir allerdings schon heute immer wieder hören – auch in Gesprächen mit Beherbergungsbetrieben oder Veranstaltern: Viele Gäste reisen mit vergleichsweise geringen Erwartungen an, weil die Region touristisch oft noch etwas unter dem Radar läuft. Umso positiver werden viele dann vor Ort überrascht – von der Vielfalt, der Landschaft, der Lebensqualität und den kurzen Wegen zwischen ganz unterschiedlichen Erlebnissen.

Wenn es uns gelingt, dieses Potenzial künftig sichtbarer zu machen und die Aufenthaltsdauer der Gäste zu verlängern, entsteht daraus ein spürbarer wirtschaftlicher Mehrwert für Hotellerie, Gastronomie, Freizeitwirtschaft und viele weitere Akteure in der Region.  

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