Klimaneutral Skifahren: Skihalle Neuss plant Leuchtturmprojekt

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Patryck Lamich, COO des Alpenpark Neuss © alpenpark-neuss.de

Es ist ein ehrgeiziges Ziel: Bereits bis Sommer 2023 will der Alpenpark Neuss den kompletten Betrieb seiner bekannten Skihalle klimaneutral bestreiten – und zugleich zum Großeinspeiser von Sonnenstrom für das öffentliche Netz werden. Möglich machen soll es ein System aus Photovoltaikanlagen und einem Blockheizkraftwerk. Das Projekt klingt spektakulär und überambitioniert, ist für den Alpenpark jedoch ein logischer Schritt. Denn Nachhaltigkeit in allen Belangen ist für das Unternehmen seit jeher ein großes Thema.

„Wir haben uns eigentlich schon immer mit dem Thema Energie und Nachhaltigkeit beschäftigt, allein schon aus wirtschaftlichen Gründen“, sagt Patryk Lamich, Chief Operation Officer des Alpenparks und seit über zehn Jahren im Unternehmen. Weil die Skihalle ein energiehungriges Gebäude sei, habe man sich alle zwei bis drei Jahre angeschaut, welche neuen technischen Möglichkeiten der Einsparung es gibt und welche sich für die Skihalle auch wirtschaftlich umsetzen ließen. „Alles, was es gab, wurde umgesetzt. Alles, was technisch noch nicht ausgereift war, so wie wir es brauchten, wurde zurückgestellt“, berichtet Lamich. „Immer wenn der richtige Zeitpunkt da war, die vorhandene Technik zu etablieren, haben wir es gemacht.“ Daher konnte der Energiebedarf in der Vergangenheit bereits deutlich reduziert werden. „Kaum jemand weiß, dass wir weniger Energie brauchen als ein städtisches Freibad“, betont der COO.

Kaum jemand weiß, dass wir weniger Energie brauchen als ein städtisches Freibad

Patryck Lamich, COO Alpenpark Neuss

Alpenpark Neuss mit Skihalle, Kletterpark, Funfußball und Almgolf © Alpenpark Neuss

Strom und Wärme aus eigener regenerativer Produktion

 Das neueste Projekt soll die Skihalle allerdings auf ein ganz neues Level heben. Eigenproduzierter regenerativer Sonnenstrom und ein Blockheizkraftwerk sollen einen CO2-neutralen Betrieb ermöglichen und das schon zeitnah. Am liebsten sofort, sagt Lamich, doch das sei aufgrund von Lieferengpässen leider nicht möglich. Bis spätestens August kommenden Jahres aber soll es so weit sein.

Geplant wird das Großprojekt bereits seit zweieinhalb Jahren, im August dieses Jahres soll der Aufbau der ersten von aktuell zwei geplanten Photovoltaikanlagen starten, die künftig 100 Prozent des benötigten Stroms liefern sollen. In Realität wird es sogar noch weitaus mehr sein, sodass Überschüsse in das örtliche Stromnetz eingespeist und für den ebenfalls geplanten großen Wallbox-Park zur Aufladung von Elektroautos der Gäste genutzt werden können. Zudem soll überschüssige Energie aus der Photovoltaik sowie aus dem Blockheizkraftwerk in einen Löschteich unter dem zum Alpenpark gehörenden Hotel Fire & Ice fließen, der so als Speicher genutzt wird. Wird später wieder Strom oder Wärme benötigt, können sie aus dem warmen Wasser zurückgewonnen werden. Besonders stolz ist Lamich aber auf einen weiteren Zwischenspeicher: die Skipiste. Der Schnee dort solle im Sommer, wenn zu viel Strom produziert wird, extrem runtergekühlt werden. Werde kein Strom produziert, könne die Energie der Piste wieder entzogen werden. „Das ist ein Leuchtturmprojekt“, sagt Lamich.

Unter dem Strich kann durch das ausgeklügelte System nicht nur der Strom, sondern auch der Wärmebedarf des Gebäudes komplett autark gedeckt werden - aus ökologischen Gründen ein wichtiger Schritt, aber auch aus wirtschaftlichen. Denn die aktuell hohen Strom- und Gaspreise spürt auch die Skihalle Neuss und die unsichere Entwicklung erschwert eine seriöse betriebswirtschaftliche Planung. 

Viele Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit

Die Klimaneutralität und Autarkie der Skihalle ist das bislang größte Nachhaltigkeitsprojekt des Alpenparks, doch bei weitem nicht das erste. „Mülltrennung, Umgang mit Lebensmitteln, Wiederverwertung, das ist selbstverständlich für uns, einfach auch um wirtschaftlich zu arbeiten. Daher sind es Dauerthemen, die auch schon lange gelebt werden“, sagt Lamich. Gleiches gilt für die Zusammenarbeit mit regionalen Dienstleistern. „Das war gefühlt schon immer so. Wir haben es nicht immer kommuniziert und alle Geschichten erzählt, da es für uns eine gelebte Selbstverständlichkeit ist, aber im Hintergrund passiert da schon immer sehr viel“, meint der COO.

Einen kleinen Einblick in das, was bereits passiert, bieten verschiedene Bereiche auf der Internetseite des Alpenparks. So ist etwa auf der Karriereseite zu lesen, was der Alpenpark Neuss in Bezug auf eine nachhaltige Energie- und Wasserversorgung oder zur Vermeidung von Verpackungsmüll unternimmt. Gerade für die Nachwuchsgewinnung sei dies ein wichtiger Punkt, meint Lamich. Denn gerade junge Leute beschäftigten sich viel mit Nachhaltigkeit. „In der jungen Zielgruppe ist es definitiv ein Thema. Und das ist für uns auch wichtig, weil wir natürlich die Nachwuchskräfte brauchen. Da passt das Thema sensationell.“

Doch nicht nur die Personalgewinnung, auch die Bindung der Mitarbeitenden gehört für den Alpenpark zu den wesentlichen Herausforderungen – die offenbar gut gemeistert werden. „Es gibt einen sehr großen Stamm an langjährigen Mitarbeitern“, sagt Lamich. Viele seien seit 10, 15 Jahren dabei, einige auch seit der Eröffnung der Skihalle vor gut 20 Jahren. Um die Zufriedenheit der Mitarbeitenden und damit den Willen zum Verbleib weiter zu steigern, würden unterschiedliche Angebote gemacht, etwa flexible Arbeitszeiten. „Aktuell diskutieren wir auch das Vier-Tage-Modell“, sagt Lamich und auch sonst werde immer wieder geprüft, welche weiteren Leistungen noch einen Mehrwert ergeben könnten. „Das sind Dauerthemen und aktuell so brennend wie noch nie“, sagt er mit Blick auf den weit verbreiteten Fachkräftemangel. 

Auch in anderen Unternehmensbereichen ist Nachhaltigkeit stets ein Thema. Ob Zimmerreinigung nur auf Gästewunsch, Fahrradverleih im Hotel zur Erkundung der Gegend, LEDs im gesamten Haus oder weitreichende Barrierefreiheit – an vielen Stellschrauben setzt das Alpenpark-Team an. Dabei sind die einzelnen Abteilungen selbst dafür verantwortlich, in ihren Bereichen neue Maßnahmen zu überlegen und zu implementieren. So ist die Gastronomie etwa zuständig für das Lieferantenmanagement und setzt unter anderem darauf, dass kurze Wege eingehalten werden und die Belieferung nur einmal pro Woche geschieht. Bei großen technischen Projekten ist die Geschäftsführung selbst mit im Boot, allein schon, weil es dann um große Investitionssummen geht, so wie beim aktuellen Projekt der Klimaneutralität.

Tipps für Unternehmen, die nachhaltiger werden wollen

Anderen Unternehmen, die ebenfalls nachhaltiger werden wollen, rät Lamich, nicht gleich mit Großprojekten zu beginnen. „Würde man mit so einem Photovoltaik-Projekt anfangen, wäre das ziemlich demotivierend und zermürbend, weil es einfach sehr langwierig ist“, berichtet er aus Erfahrung. Besser sei es, in einzelnen Abteilungen mit kleineren Dingen zu beginnen. Bei sichtbaren Erfolgen entwickele sich dann sehr schnell eine Eigendynamik und auch ein neuer Blick auf die Dinge. Und das sei auch das Wichtigste: ein offenes Mindset, offene Diskussionen und der Wille, die Dinge anders zu betrachten und auch immer wieder aufs Neue anzufassen – auch wenn die Bemühungen manchmal ins Leere laufen. Genau so hält es auch der Alpenpark: „Das war schon immer so, gab’s bei uns noch nie. Immer wenn wir mit einer Sache fertig sind, brechen wir sie wieder auf“, sagt Lamich.

Das war schon immer so, gab’s bei uns noch nie. Immer wenn wir mit einer Sache fertig sind, brechen wir sie wieder auf.

Patryck Lamich, COO Alpenpark Neuss

Mit großem Willen und Durchhaltevermögen lässt sich auch das aktuelle Großprojekt stemmen – das auch in der Politik auf Zustimmung stößt. „Wir haben die volle Unterstützung. Sowohl die Stadt Neuss als auch der Kreis freuen sich, dass wir als Vorzeigeunternehmen nicht nur sprechen, sondern auch wirklich anfassen“, berichtet der Alpenpark-COO.

Für noch ausbaufähig hält Lamich hingegen die positiven Reaktionen auf Gästeseite in Form von verstärkten Buchungen. „Wir haben das Gefühl, dass Entscheidungen nicht immer zugunsten der Nachhaltigkeit ausfallen, sondern Standort und Pricing immer noch ein größeres Thema sind“, meint Lamich. Gefühlt bringe das große Engagement für mehr Nachhaltigkeit in der Auftragsakquise zum Beispiel im Businessbereich noch keinen Vorteil für die Skihalle. Das Thema sei aktuell nicht entscheidend bei der Standortwahl. Durch Corona habe sich die Sicht auf viele Dinge allerdings gewandelt. Vielleicht, so Lamichs Hoffnung, werde man das künftig auch bei den Buchungen merken. An den Bemühungen für mehr Nachhaltigkeit will der Alpenpark aber so oder so festhalten – aus Überzeugung und aus wirtschaftlichen Gründen.  

 

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